Warum Antirassismus-Gruppen auf Facebook keine Antifa-Gruppen sind

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… und warum ich nicht mehr bereit bin immer die Störenfriedin zu sein.

Mein Beitrag bezieht sich größtenteils auf Facebookgruppen, es dürfen sich allerdings auch Administrator_innen/Kommentator_innen von Facebookseiten und Offline-Gruppen angesprochen fühlen.
Ich spreche eine Triggerwarnung aus für diskriminierende Sprache.

Antifaschismus bedeutet für mich: gegen Faschismus, Rassismus, Sexismus, Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit, Klassismus, Ableism, Lookism und andere Diskriminierungsformen aufzutreten. Antifaschismus bedeutet für mich auch das eigene Leben und Handeln zu reflektieren, sich seiner Privilegien bewusst zu werden und für Kritik offen zu sein.

Kurz zu den Begriffen selbst. Diskriminierung funktioniert nur von „oben“ nach „unten“. sanczny hat das aber schon wunderbar erklärt, deswegen zitiere ich jetzt einfach nur ganz kurz: „Diskriminierung ist mehr als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Diskriminierung braucht ein asymmetrisches Machtverhältnis.“ Hier gibt’s mehr dazu, warum es z.B. keinen „umgekehrten Rassismus“ gibt.

Ich werde jetzt nur die unüblicheren Begriffe in wenigen Worten erklären und dann näher auf alles eingehen.
Klassismus bezeichnet Diskriminierung gegenüber Menschen einer „niedrigeren“ Klasse. Klassismus kann beispielsweise ein Witz über „Kevins“ oder das Lustigmachen über Rechtschreibkenntnisse sein.
Lookism bezeichnet die Diskriminierung gegenüber Menschen, die nicht „normschön“ sind bzw. einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen, die vermutlich beliebteste Form des Lookism ist das Body/Fat-Shaming („du bist zu dick/zu dünn“).
Ableism bedeutet Leute aufgrund einer Krankheit oder eines Handicaps zu diskriminieren. Dazu zählt u.a. dass das Wort „behindert“ als Schimpfwort verwendet wird. Aber auch die Abwertung von psychischen Krankheiten („der muss schizophren/krank/verrückt sein“, wenn ein Mensch sich irrational verhält) zählt dazu.

Nun ist es so, dass der gemeinsame Nenner in einer Antirassismus-Gruppe nun einmal ist gegen Rassismus aufzutreten. Aber selbst das meist nicht sonderlich konsequent. Alle sind sich einig, dass es wichtig ist gegen rechtsextreme Gruppen und Parteien aufzutreten. Meistens schwingt da aber ein „linksextrem ist auch doof, die Mitte ist das Richtige“ mit. (Was übrigens Bullshit ist.)
In antirassistischen Gruppen, die meist von Weißen dominiert werden, werden allerdings auch manchmal die Probleme von PoC (people of color) kleingeredet und nicht ernst genommen. Nun kann jede_r eine Meinung zu etwas haben und diese auch äußern, aber zu sagen „das ist jetzt aber lächerlich sich über SO ETWAS aufzuregen“, wenn jemand eine erlebte Diskriminierung anspricht, ist richtig große Kackscheiße! Niemand hat das Recht einer anderen Person eine Erfahrung abzusprechen und dadurch noch mehr zu verletzen. Rassist_innen in Antira-Gruppen zu finden ist zwar keine Seltenheit, aber auch nicht Standard.

Fast schon klassisch hingegen ist der Sexismus, den viele Leute in antirassistischen Gruppen täglich zur Schau stellen. Das fängt an bei Beschimpfungen wie „b*tch“ und geht weiter zu Sätzen wie „die muss ‚mal ordentlich gef**kt werden“. Auch Frauen/Freundinnen von Politikern und Burschenschaftern lediglich als Anhängsel zu sehen, also nicht als Frau, die ihre eigenen Entscheidungen treffen kann, ist Sexismus. Ich habe das schon sehr oft erlebt, dass faschistische Frauen nicht ernstgenommen wurden und ihnen nachgesagt wurde, dass sie einfach an den falschen Mann geraten sind. Hallo? Auch Frauen können (faschistische) Arschlöcher sein. Und das aus purer Überzeugung.

Lookism ist in antirassistischen Kreisen extrem beliebt. Es gibt sogar einen tumblr-Blog, der sich „Lookismus gegen rechts“ nennt. Auch wenn ich teilweise nachvollziehen kann warum Leute das witzig finden, bin ich trotzdem der Meinung, dass das eine ekelhafte Form ist, Faschist_innen zu kritisieren. Ich finde es bedenklich, wenn Menschen auf ihr Äußeres reduziert werden, wenn über Politiker_innen gesagt wird wie „hässlich“ oder „fett“ sie sind. Ich muss die Person nicht sympathisch finden, um ihr ein Mindestmaß an Respekt entgegen zu bringen. (Manchmal wird dieser Lookism auch sexistisch oder sogar transfeindlich: „die kann doch keine Frau sein, schaut euch die ‚mal an!“)

Ableism ist wahrscheinlich den wenigsten ein Begriff. Dass man „behindert“ nicht als Schimpfwort verwenden soll, ist wohl klar. Nicht so klar hingegen scheint zu sein, dass es genauso Mist ist, wenn Faschist_innen eine psychische Krankheit unterstellt wird. Sätze wie „der hat seine Medikamente nicht genommen“ oder „die muss ‚mal zum Therapeuten“ oder „wie schizophren ist der eigentlich?“ finden sich HAUFENWEISE in antirassistischem Zusammenhang. Wie verletzend das für eine Person mit psychischer Krankheit wirklich ist, darüber denkt niemand nach. Ich persönlich möchte nicht auf eine Stufe mit Faschist_innen gestellt werden. Abgesehen von diesem Aspekt nimmt man ihnen damit (wie im oben genannten Beispiel den Frauen) die Verantwortung. Was ihr mit z.B. „die gehört eingewiesen“ sagt: sie hat die Kontrolle über ihr Handeln verloren, sie ist nicht mehr fähig sich rational zu verhalten. Dabei sind Faschist_innen in VOLLEM Bewusstsein menschenverachtend.
Sich über Alkohol- oder Drogenabhängigkeit allgemein lustig zu machen gehört übrigens auch zu Ableism.

Zu guter Letzt: Klassismus. Das finde ich fast am merkwürdigsten, da ich viele Linke kenne, die gegen den Zwang sind einer Lohnarbeit nachzugehen. Diese Leute haben zwar erkannt, dass man z.B. etwas am Bildungssystem ändern muss, dass Kindererziehung, Hausarbeit, politischer Aktivismus und Malen genauso Arbeit ist wie jeden Tag ins Büro zu gehen oder dass es scheiße ist Bettler_innen zu schikanieren. Aber dass zu Klassismus auch zählt sich über Rechtschreibkenntnisse von Menschen lustig zu machen oder auf Teeniemütter hinzutreten, scheint noch nicht in ihrem Bewusstsein angekommen zu sein. Nicht jeder Mensch hat dieselbe Bildung. Nicht jeder Mensch kann sich Bildung leisten. Und nicht jede_r kann Mathe, Biologie, Sport oder Sprachen gleich gut. Fragt euch doch warum die Teeniemutter nicht wusste welche Verhütungsmethoden es gibt. Oder warum es Leute gibt, die Grammatik und Rechtschreibung nicht beherrschen.
Ich weiß, dass einige das jetzt mit „aber wenn die sagen, dass man Deutsch lernen soll und selber kein Deutsch können, kann man sich doch drüber lustig machen“ kommentieren würden, deswegen gehe ich darauf noch kurz ein: ich verstehe das und habe das früher ähnlich gesehen. Bis zu einem gewissen Grad kann ich auch heute noch ab und zu über sowas lachen, aber das kann nicht die Lösung sein. Abgesehen davon ist es gefährlich sich immer nur über solche Leute lustig zu machen und auf ihre geäußerten Ängste ständig mit Sarkasmus zu reagieren. Manchmal verstehen sie den Sarkasmus nicht oder sie fühlen sich dadurch nicht ernst genommen und reagieren mit noch mehr Wut.

So, das alles ist mitunter ein Grund warum ich nicht bei einer Partei dabei sein könnte. Ich bin eine queere Frau mit einer psychischen Krankheit ohne Matura (aber mit vielen Priviligien: ich bin weiß und cis.). Wie oft ich mich in antirassistischen Gruppen aufgrund von Ableism und Sexismus verletzt und angegriffen gefühlt habe, kann ich nicht zählen. Ich bin deswegen aus allen Antirassismus-Gruppen ausgetreten. Ich kann einen diskriminierenden „Aktivismus“ nicht ernstnehmen und ich will nicht bei jedem dritten Beitrag darauf aufmerksam machen müssen, dass das jetzt scheiße war. Ich habe keine Kraft dafür. Mein Aktivismus findet jetzt wo anders statt. Mit Leuten, die fähig zur Selbstreflektion sind und auf Kritik nicht mit Abwehrmechanismen reagieren. Und seit ich nicht mehr in diesen Gruppen bin, geht es mir wesentlich besser.

Edit: Ich will auch nicht mehr in Gruppen sein, die von Anfang an Migrant_innen und LGBTI-Menschen exkludieren. Ich verstehe, dass ein Grundvertrauen da sein muss, um jemanden z.B. in eine geheime Gruppe aufzunehmen, aber ich habe kein Verständnis dafür, wenn dieses Vertrauen ausschließlich weißen Cis-Menschen (Personen, deren Geschlechteridentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt) entgegen gebracht wird. Weiters empfinde ich es als sexistisch und transfeindlich, wenn eine antirassistische Organisation es nicht zustande bringt in gendergerechter Sprache zu schreiben.

Abschließend möchte ich sagen, dass auch ich mich in meinem Leben oft (vor allem sprachlich) diskriminierend verhalten habe. Und das nicht nur als 15-Jährige, sondern so etwas passiert mir auch heute noch hin und wieder. Niemand wird perfekt geboren. Aber es sollte jedem_r möglich sein zu reflektieren, sich für verletzende Aktionen zu entschuldigen und sich zu ändern.

Der beste Humor ist, wenn der Witz nicht verliert. (Sookee – Atmen)

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